Die Situation in den deutschen Provinzen war nach den Feldzügen Napoleons alles andere als angenehm. Die Zukunft versprach einer wachsenden Bevölkerung wenig Besserung, dazu kam, daβ in dieser Zeit immer wieder Anwerber wie Rattenfänger durchs Land zogen und von den unbegrenzten Möglichkeiten in dem neuen Land berichteten das sich Amerika nannte. Darunter war auch der Major von Schäffer, der ab 1823 im Auftrage des Kaiser Dom Pedro von Brasilien eigentlich Soldaten anwarb, die die weitläufigen Grenzen des groβen Landes, Brasilien genannt, schützen sollten. Da aber in Europa das Anwerben von Soldaten nicht erlaubt war, sprachen die Kontrakte von Siedlern, denen Land und Unterstützung angeboten wurde. Vorteile die sie zu Hause nicht mehr hatten.
So wurden am 28. Oktober 1828 146 Familien in Rio de Janeiro auf den Segelschiffen “Luiza“ und “Marquês de Viana“ verladen um in der Region von Desterro in der Capitania Santa Catarina sich anzusiedeln. Diese Siedlungsgeschichte verlief nicht viel anders als etwa zur gleichen Zeit im Gouvernement São Paulo, was einen Rückschluβ zuläβt auf die damalige Verwaltungsstruktur. Man wuβte zunächst nicht viel mit diesen Menschen anzufangen, vertröstete sie, hielt die vertraglich versprochenen Zahlungen nicht ein und übergab ihnen erst durch Drohungen und unter Druck das versprochene Land. Dort wurden sie sich weitgehend selbst überlassen und hatten mit all den Umwegsamkeiten der ersten Siedler zu kämpfen: Rodung, unebenes Gelände und nciht gerade fruchtbarer Boden. Auch weiterhin blieben die vereinbarten Zahlungen des Landesverwalters aus. Erst nach Protesten und Belagerungen in Desterro wurde schlieβlich der erste Verwalter abgesetzt und durch einen siedlungsfreundlicheren ersetzt. Inzwischen hatten jedoch eine ganze Reihe Siedler diese Gemarkung Pedro de Alcantara wieder verlassen und versuchten in der Provinzhauptsadt ihr Glück. Diejenigen, welche jedoch blieben übernehmen schlieβlich ihre Selbstverwaltung und können als Pioniere des Staates Santa Catarina gelten, der nun auf seine 180 jährige deutsche Einwanderung zurückblickt.
Das bereits zum dritten Mal durchgeführte Symposium zur Immigration und Kultur der Deutschen im Groβraum Florianópolis, veranstaltet von dem Kulturinstitut Carl Hoepcke, beschäftigte sich dieses Jahr mit dem Thema zur 180 jährigen Geschichte.
In Vorträgen während der zweitägigen Veranstaltung referierten Historiker, Kunstwissenschaftler und andere der Kultur und Kunst verbundene Spezialisten über den Einfluβ deutscher Einwanderer un im Staat Santa Catarina.
Zur Eröffnung waren der deutsche Generalkonsul Norbert Küstgens aus Porto Alegre, der Honorarkonsul für Santa Catarina Hans-Dieter Didjurgeit aus Blumenau anwesend sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Santa Catarina. In Ihrer Eröffnungsrede begrüβte die Präsidentin des Instituts Carl Hoepcke, Anita da Silva Hoepcke, die Anwesenden und berichtete, daβ das Institut in kürze seinen Sitz in die historischen Fabrikräume der Gruppe Höpcke verlegen wird. Danach hielt der bekannte Journalist Moacir Pereira einen Vortrag über die Entwicklung der deutschsprachigen Presse in Santa Catarina. Über die Entwicklung der Kolonie in São Pedro de Alcântara berichtete der Historiker Aberdal Philippi und der katholische geistliche Monsenhor Agostinho Stähelin, dessen Vorfahren im 19. Jahrhundert aus Basel einwanderten. Die Geschichte der Gebrüder Hackradt, vorgetragen von dem Historiker André Vogt zeigte die groβartige Pioniertätigkeit dieser beiden Industriellen in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Blumenau auf. Carl Hoepcke, der 1863 nach Brasilien kam, begann seine erfolgreiche Laufbahn als Unternehmer in den Betrieben der Hackradts und wurde später deren Teilhaber, bi ser nach Desterro dem heutigen Florianópolis umzog und seine eigenen Betriebe aufbaute und erweiterte.
Paulo Bauer, ein waschechter Deutsch-Catarinenser, Bundestagsabgeordneter und Sekretär für das Erziehungswesen in Sanat Catarina informierte über die Bemühungen die Schulausbildung im Staat praxisbezogener zu gestalten, indem die Schüler der Oberstufe bereits in Betrieben eine “ Schnupperausbildung “ erhalten. Im generellen meinte Bauer, daβ Sanata Catarina führend in der Schulausbildung in Brasilien sei, mit dem niedrigsten Analphabetenstand und der höchsten Quote von Absolventen des Vestibulars aus öffentlichen Schulen.
Manoel Teixeira dos Santos hielt einen besonders interessanten Vortrag mit dem Titel:
“ Der Immigrant und der Urwald “. Aus der Tatsache heraus, daβ die meisten Einwanderer in dem ihnen zugewiesenen Land einen zumindest subtropischen Urwald vorfanden und um Anbauflächen zu erhalten diesen Wald roden muβten, hatten sie ein völlig anderes Verhältnis zu diesem. Teixeira dos Santos referierte sehr überzeugend über dieses bisher wenig beachtete Thema.
Der folgende Vortrag von Gilberto Gerlach, dem Gründer und Leiter des Clubs de Cinema de Arte de Esteiro, handelte von dem Film als Kunstgattung. Gerlach argumentierte, daβ die Filmkunst eine Deutsche Erfindung gewesen sei und erinnerte an Fritz Lang den berühmten Stimmfilmregisseur, an Josef von Sternberg den Regisseur des “ Blauen Engels “ sowie die deutschen Filmemacher der Nachkriegszeit wie Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff oder in jüngster Zeit an Florian Henckel von Donnersmarck der 2007 den Oscar für seinen Film, “Das Leben der Anderen “ gewann.
Der zweite Tag des Symposiums begann mit dem Vortrag von Adelson André Brüggemann über die deutsche Immigration im Groβraum Florianópolis. Im Anschluβ daran berichtete Elisiana Trilha Castro über die Friedhöfe der deutschen Einwanderer im Raum Florianópolis. In dreizehn Orten fand die Wissenschaftlerin 104 Friedhöfe, das sie dazu veranlaβte ihre umfangreichen Funde in einem Buch mit dem Titel: “ Hier ruht in Gott “ , Inventário de cemitérios de imigrantes alemães da região da Grande Florianópolis “ zu veröffentlichen.
Voltaire Schilling, der Direktor des Memorial de Rio Grande do Sul in Porto Alegre, zeigte in seinem Vortrag die Bedeutung der deutschen Kultur von Walther von der Vogelweide über die Maler Dürer und Holbein, J.S. Bach, Goethe, Beethoven, bis zu Thomas Mann auf. Ein umfangreicher Diskurs zur deutschen Kulturgeschichte.
Nach dem Mittagessen konnte Eckhard E. Kupfer vom Martius-Staden Institut, São Paulo über die 180 jährige Geschichte der deutschen Einwanderung nach São Paulo berichten und dabei eine umfassende Wanderausstellung ankündigen, die ab 21. Juni in São Paulo na verschiedenen Plätzen zu sehen sein wird.
Katia Klock zeigte in ihrem Dokumentarfilm “ Sem palavras “ die Zeit nach 1938 in Santa Catarina, als den deutschstämmigen ihre Sprache verboten wurde. Der Film berichtet in Rückblenden und Aussagen von Zeitzeugen von der Ratlosigkeit, der Angst und den Repressalien welche die Catarinenser deutschen Ursprungs in der Zeit der Nova República zu erleiden hatten.
Maria Luiza Renaux, Professorin der Universität von Blumenau, hielt eine bemerkenswerte Lesung zu dem Thema &ldqu